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Lendringsen

Bahnhof Lendringsen

 

Bahnhof Lendringsen am 218 143 und 131 im Oktober 1988. Das Bahnhofsgebäude war noch vollständig erhalten und personell besetzt. Die heutige Situation am 26.09.2006. Das Bahnhofsgebäude ist 1994 einer Fertigungshalle gewichen.

Die Ursprünge des Bf. Lendringsen liegen schon in der Zeit vor dem Bau der Hönnetalbahn. Mit der Inbetriebnahme der Werksbahn von Menden zum Kalkwerk Hönnetal wurde Ende des 19 Jahrhunderts in Lendringsen auch schon eine Ladestelle eingerichtet.

Neben dem Personenverkehr für die Ortsteile Lendringsen und Hüingsen hatte der Güterverkehr lange besondere Bedeutung. Anschlussgleise besaßen das Eisenwerk Rödinghausen, die Fa. Schweitzer, die Holzindustrie (Fa. Radenbach), die Fa. StraBAG; die Gemeinde Lendringsen und zuletzt die Fa. OBO-Bettermann. Erst Ende der 90er Jahre endete hier der Güterverkehr auf der Schiene. Betrieblich hatte der Bahnhof mehrere wichtige Aufgaben:

o      Sicherung des Bahnübergangs „Fischkuhle“ für Züge der Hönnetalbahn und der Kalkwerke hönnetal.

o      Von 1967 bis 1994 Übergabe der Betriebsschlüssel an die Zugführer der Züge nach Neuenrade.

 

Gleisplan Zustand 1980

Anfang der 70er Jahre wurde das Bahnhofsgebäude umgebaut. Die bisher draußen befindliche Schrankenwinde wurde in den vergrößerten Betriebsraum verlegt. Das frühere Büro des Bahnhofsvorstands wurde Warteraum und der alte Warteraum Teil des Betriebsraums. Ebenso erfuhr die Güterhalle Ende der 60er Jahre einen Anbau und wurde bis 1974 in dieser Form genutzt.

Nto 6471 im März 1983 in Lendringsen. Der örtliche Betriebsbeamte J. Jakschick erteilt nach Übergabe der Betriebsschlüssel den Abfahrauftrag.

Ab 1989 erfolgten massive Veränderungen.

o       1989: Ausbau der Weichen zum Ladegleis

o       April 1990: Abriss des Güterschuppens und Neubau einer Werkshalle der Fa. Bettermann.

o       7. Mai 1994: Schließung der Fahrkartenausgabe

o       28. Mai 1994: Abzug des letzten örtlichen Betriebsbeamten Uwe Becker

o      1. Juli 1994: Abriss des Empfangsgebäudes, Teilverlegung des Bahnsteigs und Erweiterung der Werkshalle der Fa. Bettermann.

o       November 2004: Rückbau aller verbliebenen Weichen außer Anschluss Bettermann Nord. Der Bahnhof ist nur noch Haltepunkt.

Nachfolgend ein persönlicher Nachruf, verfasst im Jahre 1994: 

 

Als Zeit noch nicht gleich „Eile“ war – Erinnerungen an den Bahnhof Lendringsen

Blättert man im Kursbuch unter der Nummer 437 nach, so wird man – zwischen Menden und Klusenstein gelegen – den Namen Lendringsen finden. Es gibt ihn noch, den Bahnhof Lendringsen – man kann hier ein- und aussteigen und wenn man sonntags kommt, kann man mit etwas Glück sogar einen gewissen Rangierbetrieb erleben. Kurz: folgt man der bahnamtlichen Definition, ist in Lendringsen alles noch soweit vorhanden, was einen Bahnhof ausmacht.

Und doch ist der Bf. Lendringsen längst nicht mehr das was er noch bis zum Beginn der 90er Jahre war - ein Bahnhof, den man mit Recht „romantischer Nebenbahnhof“ nennen könnte mit allem was dazu gehört: Ein kleines Bahnhofsgebäude mit kleiner Fahrkartenausgabe und angebautem Güterschuppen. Im Warteraum berichteten Werbeplakate von der bunten, großen Welt. Im Dienstraum, die Kurbeln für die mechanische Schrankenanlage und der Hebel für das eine mechanische Signal. Außerdem die Schlüsselsperre für die Handweichen (fernbediente Weichen gab es hier nie.), Kästen mit Ersatzschlüsseln, ein Schaltkasten für die Lichtsignale im Werksgleis der RWK sowie ein Tresor, für die Fahrkarten. Natürlich fehlte auch ein Ölofen nicht, der im Winter angenehme Wärme spendete.

Draußen ein Ladegleis und ein kopfsteingepflasterter Weg zum Güterschuppen, ein paar Gleisanschlüsse mit blanken Gleisen sowie einige Handweichen. Auf dem Bahnsteig eine große Uhr und daneben einige üppig bewachsene Blumenkübel, die während der Zugpausen liebevoll gepflegt wurden. Von wem? Natürlich vom „Bahnhofsvorstand“, der jeden (Personen-) Zug mit roter Mütze, Pfeife und Zp9-Stab abfahren ließ.
 
Die Welt war scheinbar in Ordnung in dieser kleinen Bahnstation im märkischen Sauerland. Und doch war diese Beschaulichkeit bereits ein beredtes Zeugnis des Niedergangs der klassischen Nebenbahn. Denn im Güterschuppen lief schon seit 1973 nichts mehr. Der „Bahnhofsvorsteher“ war schon seit 1969 nur noch ein „örtlicher Betriebsbeamter“ und die Diskussion um eine mögliche Stillegung der Hönnetalbahn gewann mit der Einstellung der Strecke Menden – Iserlohn  zum 27. Mai1989 eine neue Dimension.
 
Die Ruhe der letzten Tage dieses Bahnhofs Lendringsen war auch längst nicht vergleichbar mit dem Betrieb der frühen Jahre der Hönnetalbahn. Doch alles der Reihe nach. Entstanden ist der Bahnhof Lendringsen nicht etwa mit der Hönnetalbahn, sondern mit dem Bau der Werksbahn ins Kalkwerk Hönnetal bei Oberrödinghausen, die um die Jahrhundertwende entstand. Damals richtete man hier eine Ladestelle für Holz ein. Das Gebäude und alles weitere Zubehör kam dann mit dem Bau der Strecke von Menden nach Neuenrade 1910 – 12, wobei ein peinlicher Fehler unterlief. Das für die Gemeinde Lendringsen geplante stattliche Empfangsgebäude, wurde versehentlich mitten ins Hönnetal in die winzige Ortschaft Binolen gesetzt.  Das Binoler Gebäude wurde in Lendringsen gebaut. Bemerkt hat man den Fehler erst kurz vor der Fertigstellung. So erhielt Lendringsen eines der typischen Sauerländer Bahnhofsgebäude, wie man sie ähnlich auch in Sanssouci, Garbeck, Schwenke, Dorlar, oder Hüinghausen findet.
 
Den Menschen hier hat das weniger ausgemacht. Verschnupft waren und sind sie eher wegen zwei anderen Eigenarten des Bahnhofs. Zum einen ist da für die Lendringser  der Umstand, das der Bahnhof eigentlich auf dem Gebiet der Siedlung Hüingsen liegt. Zum anderen ist da der Bahnübergang über die Straße, die heute Fischkuhle heißt. Diese Straße ist nämlich der einzige (legale) Weg, um nach Hüingsen zu gelangen (und auch wieder heraus). Sind die Schranken geschlossen, ist Hüingsen abgeriegelt – und das mögen die Hüingser wiederum nicht so gerne.
 
Über die Jahre waren alle ganz glücklich mit dem kleinen Bahnhof, neben dem damals natürlich auch das obligatorische Aborthäuschen stand bzw. stank. Neben dem umfangreichen Personenverkehr gab es reichlich Güterverkehr. Da waren nicht nur die Holzverladung und dem reichlichen Stück- und Expressgutverkehr. Es gab die Anschlüsse des Eisenwerks Rödinghausen, der Baustoffhandlung Schweitzer, sowie das gut 1 km lange Anschlussgleis der Firmen Strabag und Radenbach. Später verschwanden die letzten beiden Anschlüsse. Dafür kamen neu die zwei Anschlüsse der Fa. OBO Bettermann. Lange Zeit war immer viel zu tun. Dazwischen fuhren die Züge der Kalkwerke, deren Werksgleis ja immer noch neben der Hönnetalbahn verläuft. So blieb Lendringsen auch bis 1973 als selbstständige Dienststelle erhalten. Geblieben sind vom Güterverkehr heute noch die gelegentlichen an Sonntagen verkehrenden Sonderzüge für die (heutige) Rheinkalk AG, die in Lendringsen an die DB übergeben werden, weil der benachbarte Übergabebahnhof Horlecke sonntags nicht besetzt ist.
 
Der Strukturwandel machte sich schon ab Mitte der 60er Jahre bemerkbar und so tat zuletzt pro Schicht nur noch ein Beamter in Lendringsen Dienst. Moment - zuletzt waren auch zwei Beamtinnen dabei... Er (sie) verkaufte Fahrkarten, bediente die Schranken und das für die aus Richtung Neuenrade kommenden Züge aufgestellte Hauptsignal. Die Zugführer der Züge nach Neuenrade erhielten hier die Betriebsschlüssel für die Weichen der Hönnetalbahn, insbesondere für das Stellwerk in Binolen. Wurde das vergessen (was ganz selten vorgekommen sein soll...) war das dann für die Zugkreuzungen in Binolen eine dumme Sache.
 
Wenn dann gerade kein Zug fuhr und kein Kunde am Schalter stand, herrschte Ruhe im Bahnhof Lendringsen. Samstags wurde diese Ruhe für das Weichenschmieren genutzt. Ansonsten war dann auch mal Zeit für das eine oder andere Pläuschchen – z.B. mit jungen Eisenbahnfans, denen auch schon mal Einlass in den Dienstraum gewährt wurde. Das war die menschliche Eisenbahn, die man sich heute wünscht und die man nicht von oben verordnen kann. Der letzte “echte“ Bahnhofsvorsteher, Heinrich Plett, seit Mitte der 70er Jahre pensioniert, bleibt unvergessen. Für seine Verdienste als Schiedsmann erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Bis zu seinem Tode 1990 war er aktives Mitglied im Turn- und Schützenverein.
 
Aber diese Idylle fand ihr Ende. Zuerst 1989 mit dem Ausbau einiger Weichen, dann 1990 mit dem Abriss der Güterhalle und dem Neubau einer Werkshalle durch die Fa. Bettermann. 1994 kam dann das endgültige „Aus“. Mit der Inbetriebnahme der automatischen neuen Schrankenanlage erteilte Uwe Becker, als letzter örtlicher Betriebsbeamte der Hönnetalbahn letztmals den Abfahrauftrag und schon bald kamen die Bagger und rissen auch das Gebäude ab. Die Fertigungshalle der Fa. Bettermann wuchs noch ein weiteres Stück und heute kann man nicht mal mehr erahnen, wo das alte Gebäude mal gestanden hat.
 
Die Hönnetalbahn, sie fährt zum Glück weiterhin.. Doch die Idylle des Bahnhofs Lendringsen, sie ist für immer dahin.
 
 

 

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